Kategorie-Archiv: Altes neu gelesen

Zum Teufel mit der Empathie?!

Über einen missverständlichen Begriff am Beispiel von Thomas Manns Erzählung „Tobias Mindernickel“

Beim Thema Mitleid scheiden sich die Geister. Den einen gilt es als höchste Tugend, Mitleid oder Mitgefühl empfinden zu können. Den anderen scheint Mitleid eine Unterform von Egoismus zu sein, die nur dazu dient, sich selbst für den Fall der Fälle zu schützen.

In aktuellen Debatten werden Mitgefühl und Mitleid meist durch den Begriff „Empathie“ ersetzt. Dabei bleibt unklar, was Empathie eigentlich ist und sein soll. Der Begriff erleidet damit ein ähnliches Schicksal wie andere sogenannte Plastikwörter, die aus der Wissenschaft entlehnt wurden und nun in diffuser wie inflationärer Weise verwendet werden.

Was hat es mit der Kritik am Mitleid auf sich? Kann Mitleid auch schaden, steht es in Gegensatz zu echtem Mitgefühl? Und wie ist es um den heutigen Empathiebegriff bestellt? Mit diesen Fragen im Hinterkopf habe ich Thomas Manns Erzählung „Tobias Mindernickel“ gelesen. Im ersten Abschnitt dieses Beitrags fasse ich die Erzählung, in der es um die hässliche Seite des Mitleids geht, zusammen.

Im zweiten Abschnitt gehe ich kurz auf die geistesgeschichtlichen Hintergründe ein, die Thomas Mann in seiner Erzählung letztlich illustriert.  Im dritten Abschnitt schließlich versuche ich zu erklären, warum mich jedes Mal ein Schaudern überfällt, wenn mir der Begriff Empathie begegnet.

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Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Über Walter Benjamins Essay und dessen Bedeutung für die Gegenwart

Knapp 40 Seiten umfasst Walter Benjamins berühmter Aufsatz zur technischen Reproduzierbarkeit von Kunstwerken und gilt trotz dieser Kürze als „Gründungsdokument der modernen Medientheorie“.

In seinem Essay befasst sich Benjamin mit der Frage, wie die Möglichkeit, Kunstwerke unendlich zu reproduzieren, unsere Wahrnehmung von Kunst und unsere Bewertung und Interpretation von Wirklichkeit verändert. Der Aufsatz entstand 1936, als Benjamin selbst sich bereits ins Exil flüchten musste, also vor dem Hintergrund des sich zum Massenphänomen entwickelnden Faschismus. Doch hat er auch mehr als acht Jahrzehnte später noch nichts an Bedeutung verloren, weshalb er aus meiner Sicht unbedingt auf den Kanon jener Werke gehört, die in allen Schulen und Universitäten gelesen werden sollten.

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Mark Changizi: Die Revolution des Sehens

Über vier menschliche Superkräfte verfügt der Mensch, die unmittelbar mit seiner Art zu sehen und visuelle Informationen zu verarbeiten, zusammenhängen: Wir alle können demnach hellsehen, durch Dinge hindurchsehen, in die Zukunft schauen und Gedanken lesen.

Was hat es mit diesen Superkräften auf sich? Wie und warum haben sie sich entwickelt und sind sie unbegrenzt verfügbar? In seinem Buch über die Revolution des Sehens lädt Changizi zu neuen Betrachtungsweisen ein, ohne allerdings in eine bodenlose Spekulation zu verfallen.

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„Sind Computer die besseren Menschen? Ein Streitgespräch“ zwischen Joseph Weizenbaum und Klaus Haefner.

Können Computer, kann künstliche Intelligenz wirklich etwas Neues hervorbringen? Oder bedeutet das Lernen von Maschinen einfach nur, dass neue Daten auf der Grundlage konservierten Wissens entstehen? Wie unterscheidet sich menschliches Schaffen von der maschinellen Datengenerierung? Entstehen Sinn und Wert eines Kunstwerkes aus dessen Produktion oder aus dem Resultat? Gibt es überhaupt Vergleichspunkte zwischen Mensch und Computer, zwischen ihren Formen von Intelligenz und ihrer Befähigung zur Erfahrung?

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Ludwik Fleck: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache

Wie entstehen wissenschaftliche Tatsachen? Können Tatsachen überhaupt entstehen oder sind sie nicht immer schon vorhanden, bis sie eben jemand entdeckt? Bis beispielsweise ein Krankheitserreger gefunden und damit die Ursache für die Entstehung einer Krankheit nachgewiesen ist? Zeichnet sich Wissenschaft nicht gerade dadurch aus, dass sie sich von Fiktionen und Glaubenssätzen fernhält, dass sie Tatsachen nicht erfindet, sondern auf der Suche nach Erkenntnis vorfindet?

Wie naiv die Annahme ist, dass wissenschaftliche Erkenntnis unabhängig von ihren eigenen Voraussetzungen zu objektiven Tatsachen gelangt, zeigen die erstmals 1935 publizierten Aufsätze Ludwik Flecks, in denen er seine Lehre vom wissenschaftlichen Denkstil und Denkkollektiv erläutert.

Beeindruckend klar, schnörkellos und in der Absicht, sich einer reduktionistischen wie populären Auffassung von der Entstehung wissenschaftlicher Tatsachen zu widersetzen, legt Fleck darin dar, warum gerade die Medizin unter dem Zwang steht, Tatsachen zu entdecken, die in den von ihr gesetzten Rahmen passen. Was dazu führt, dass sie letztlich immer nur Antworten finden kann, die in ihren Fragestellungen bereits enthalten sind. Wissenschaft erscheint somit als ein Denkkollektiv unter vielen – in sich logisch und schlüssig, von einem Denkstil getrieben, der Ausgangspunkt und Zielvorstellung zugleich hervorbringt.

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