Kategorie-Archiv: Literatur

Zum Teufel mit der Empathie?!

Über einen missverständlichen Begriff am Beispiel von Thomas Manns Erzählung „Tobias Mindernickel“

Beim Thema Mitleid scheiden sich die Geister. Den einen gilt es als höchste Tugend, Mitleid oder Mitgefühl empfinden zu können. Den anderen scheint Mitleid eine Unterform von Egoismus zu sein, die nur dazu dient, sich selbst für den Fall der Fälle zu schützen.

In aktuellen Debatten werden Mitgefühl und Mitleid meist durch den Begriff „Empathie“ ersetzt. Dabei bleibt unklar, was Empathie eigentlich ist und sein soll. Der Begriff erleidet damit ein ähnliches Schicksal wie andere sogenannte Plastikwörter, die aus der Wissenschaft entlehnt wurden und nun in diffuser wie inflationärer Weise verwendet werden.

Was hat es mit der Kritik am Mitleid auf sich? Kann Mitleid auch schaden, steht es in Gegensatz zu echtem Mitgefühl? Und wie ist es um den heutigen Empathiebegriff bestellt? Mit diesen Fragen im Hinterkopf habe ich Thomas Manns Erzählung „Tobias Mindernickel“ gelesen. Im ersten Abschnitt dieses Beitrags fasse ich die Erzählung, in der es um die hässliche Seite des Mitleids geht, zusammen.

Im zweiten Abschnitt gehe ich kurz auf die geistesgeschichtlichen Hintergründe ein, die Thomas Mann in seiner Erzählung letztlich illustriert.  Im dritten Abschnitt schließlich versuche ich zu erklären, warum mich jedes Mal ein Schaudern überfällt, wenn mir der Begriff Empathie begegnet.

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Wer Gedichte interpretieren kann, schafft auch die Steuererklärung

Wenn es um unser hoffnungslos veraltetes Schulsystem geht, fällt garantiert der eine Satz: Warum lernen Schüler heute nicht, wie man eine Steuererklärung macht, statt Gedichte interpretieren zu müssen? Was lernt man von einer Gedichtinterpretation?

Die Antwort ist denkbar einfach: Alles. Denn wer gelernt hat, Gedichte zu interpretieren, der schafft auch die Steuererklärung, wird ein erfolgreicher Suchmaschinenoptimierer, lernt mit links Sprachen oder tüftelt sich ins Programmieren ein. Und er fällt nicht auf Fake News oder populistisches Geschwafel rein, egal von welcher politischen Couleur es geäußert wird.

Die Betonung liegt allerdings auf: Wer gelernt hat, Gedichte zu interpretieren.

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„Warum funktioniert der Computer wieder nicht?“

Über den gleichnamigen satirischen Ratgeber von Gerda Greschke-Begemann und Peter Greschke

Ist das Internet ein böser Hort voller Verbrecher, die nur darauf warten, uns abzuzocken? Oder bietet es jungen Wissenschaftlern auf nie gekannte Weise die Möglichkeit, sich zu vernetzen und gemeinsam an einer besseren Zukunft zu arbeiten? Ist der PC manchmal eigenwillig und bockig oder ist es immer der Mensch vor dem Computer, der ihn zum Abstürzen bringt? Mit diesen und vielen weiteren Fragen befasst sich der satirisch-humorvolle Ratgeber in Sachen „digitale Generationenkonflikte“, den die Autorin Gerda Greschke-Begemann (geb. 1952) und ihr Sohn, der promovierte Ingenieur Peter Greschke (geb. 1986), gemeinsam verfasst haben.

In 38 kurzen Kapiteln geben die beiden Einblick in ihren ewigen Streitpunkt: Gerdas Computer funktioniert mal wieder nicht. Meint die Mutter. Aber es läuft doch alles, antwortet der Sohn. Und wenn es dann doch nicht funzt? Dann ist natürlich die Mutter schuld, die sich penetrant weigert, zu erkennen, dass es eigentlich ganz einfach sein könnte, den PC und seine Funktionsweise zu verstehen – wenn man sich nicht wie Gerda auf den Standpunkt „Ich kann das aber nicht“ zurückziehen würde.

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Ludwik Fleck: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache

Wie entstehen wissenschaftliche Tatsachen? Können Tatsachen überhaupt entstehen oder sind sie nicht immer schon vorhanden, bis sie eben jemand entdeckt? Bis beispielsweise ein Krankheitserreger gefunden und damit die Ursache für die Entstehung einer Krankheit nachgewiesen ist? Zeichnet sich Wissenschaft nicht gerade dadurch aus, dass sie sich von Fiktionen und Glaubenssätzen fernhält, dass sie Tatsachen nicht erfindet, sondern auf der Suche nach Erkenntnis vorfindet?

Wie naiv die Annahme ist, dass wissenschaftliche Erkenntnis unabhängig von ihren eigenen Voraussetzungen zu objektiven Tatsachen gelangt, zeigen die erstmals 1935 publizierten Aufsätze Ludwik Flecks, in denen er seine Lehre vom wissenschaftlichen Denkstil und Denkkollektiv erläutert.

Beeindruckend klar, schnörkellos und in der Absicht, sich einer reduktionistischen wie populären Auffassung von der Entstehung wissenschaftlicher Tatsachen zu widersetzen, legt Fleck darin dar, warum gerade die Medizin unter dem Zwang steht, Tatsachen zu entdecken, die in den von ihr gesetzten Rahmen passen. Was dazu führt, dass sie letztlich immer nur Antworten finden kann, die in ihren Fragestellungen bereits enthalten sind. Wissenschaft erscheint somit als ein Denkkollektiv unter vielen – in sich logisch und schlüssig, von einem Denkstil getrieben, der Ausgangspunkt und Zielvorstellung zugleich hervorbringt.

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Wo bekommt man E-Books auf Deutsch?

Neue Formate und Geräte tragen dazu bei, dass der Download immer rascher, das Lesen immer komfortabler wird. E-Books erobern die Herzen auch der deutschsprachigen Leser, doch sind Publikationen in deutscher Sprache noch dünn gesät oder nur schwer auffindbar. Wo findet man deutschsprachige Veröffentlichungen? Welche weiteren Möglichkeiten bestehen neben dem Kauf, um an deutschsprachige E-Books zu gelangen? Der folgende Artikel gibt einen ersten Überblick.

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Begeisterndes Babel – Poetry bei Shakespeares am 08.06.2013 in Bremen

Die deutsche Sprache kann Gefühle und Gesten benennen und definieren. Sie ist ein hervorragendes analytisches Werkzeug. Doch selten nimmt sie das, was sie benennt, in sich auf, findet sie Klang und Rhythmus, in dem andere Sprachen sich wiegen und bewegen. Statt sich in ihren Lauten zu offenbaren, zieht sie sich distanziert zurück. Vielleicht ist dies der Grund, weshalb sie sich immerfort nach etwas sehnt. So gesehen ist es verständlich, dass die einzige deutsche Lyrikerin an diesem Abend ihre Gedichte auf Englisch vorträgt. Gedichte, die sie auf Deutsch verfasst hat, die sich aber ihrer Aussage nach nur singen lassen, wenn man sie ins Englische übersetzt. Weiterlesen

„Jetzt hat man seine Zukunft gesichert. Ich werde Negerprinzessin.“*

Zum Bemühen um sprachliche Korrektheit in Kinderbüchern

Nein, ich will das Unwort „Neger“ nicht verteidigen. Aber in der Debatte um Pippi Langstrumpf und ihre literarischen Gefährten vermisse ich den Bezug zu dem, was Literatur auszeichnet. Astrid Lindgren schrieb weder Geschichten aus Kolonialherrensicht noch beugte sie sich gönnerhaft zu den jungen Lesern herab, um ihnen die Welt und deren korrekte Begrifflichkeit zu erläutern. Astrid Lindgren hat Weltliteratur geschaffen.

Weltliteratur für Kinder. Das ist etwas anderes, als pädagogisch wertvoll zu texten. Da werden keine Inhalte transportiert. Da darf gelogen werden, dass sich die Balken biegen. Mit dem Ziel zu unterhalten. Und mit dem Ziel, zu entlarven. Denn eine Welt, in der weiße und schwarze Kinder sich ihrer unterschiedlichen Hautfarben bewusst sind, in der sich Nord- und Südseebewohner als „ganz anders“ erkennen u n d neugierig aufeinander zugehen dürfen, ist eine erlogene Welt. Weiterlesen