Mark Changizi: Die Revolution des Sehens

Über vier menschliche Superkräfte verfügt der Mensch, die unmittelbar mit seiner Art zu sehen und visuelle Informationen zu verarbeiten, zusammenhängen: Wir alle können demnach hellsehen, durch Dinge hindurchsehen, in die Zukunft schauen und Gedanken lesen.

Was hat es mit diesen Superkräften auf sich? Wie und warum haben sie sich entwickelt und sind sie unbegrenzt verfügbar? In seinem Buch über die Revolution des Sehens lädt Changizi zu neuen Betrachtungsweisen ein, ohne allerdings in eine bodenlose Spekulation zu verfallen.

Finde den Hellseher in Dir

Wusstest Du, dass Du hellsehen und Gedanken lesen kannst? Dass Du über einen Röntgenblick verfügst und über eine telepathische Begabung? Du hast es schon geahnt, aber Dein Physiklehrer hat stets behauptet, das sei alles Unsinn?

Dann kannst Du demnächst mal mit folgenden Fragen punkten: „Warum sehen wir Farbe? Warum befinden sich unsere Augen vorn? Warum nehmen wir optische Täuschungen wahr? Warum sind die Buchstaben so geformt, wie sie geformt sind, und nicht anders?“ (a.a.O., S. 9).

Die Antworten auf diese vier banalen Fragen entwickelt Mark Changizi in seinem lesenswerten Sachbuch: Die Revolution des Sehens. Neue Einblicke in die Superkräfte unserer Augen. Und falls Du jetzt schon mit den Augen rollst, weil Dir das alles viel zu absurd klingt, nimm bitte zur Kenntnis: Changizi ist Evolutionsneurobiologe. Er weiß zwischen Wissenschaft und magischem Wunschdenken zu unterscheiden. Und genau das macht sein Buch so spannend, denn es geht ihm, wie er selbst sagt, „nicht um die proximativen, mechanischen Gründe (für die ich nur ein müdes Lächeln übrig habe), sondern um die ultimativen Gründe dafür, dass wir so sind, wie wir sind“ (a.a.O., S.11).

Telepathie als Farbfiktion

Wie aber sind wir? Wie sehen wir? Und warum? Changizi beginnt seine Ausführungen mit einem ersten Kapitel über das Farbensehen. Diesem Farbensehen stellt er eine Superkraft an die Seite: die Telepathie. Telepathen sind Menschen, die etwas wahrnehmen, was anderen verborgen bleibt. Eine solche Wahrnehmung ist Changizi zufolge das Blut unter der nackten Haut. Über dessen Erscheinungsbild erkennen wir mit bloßem Auge den Sauerstoffgehalt und die Blutkonzentration unseres Gegenübers. Was den Autor zu seiner ersten These führt: Das Farbensehen haben wir herausgebildet, „um die Haut zu erkennen und dadurch vor allem Stimmungen, Emotionen und andere physiologische Zustände erspüren zu können“ (a.a.O., S.20).

Die Haut selbst dagegen, so Changizi, nehmen wir als nichtfarbig wahr. Auch wenn wir von Weißen, Schwarzen, Roten oder Gelben sprechen, bleibt sie verglichen mit den Farbeindrücken doch eher unbestimmt und transparent. Und nur deshalb ist es uns möglich, farbliche Veränderungen auf und unter der Haut zu erkennen. Den blauen Fleck, das rote Gesicht, die blaugrüne Tönung einer Vene. All diese Wahrnehmungen sind häufig mit Gefahren und starken Emotionen verbunden. Dabei sind doch Farben eigentlich ohnehin nur eine Art „nützliche Fiktion“. Wir sehen Farben nicht, weil sie existieren, sondern weil sie uns nützlich sind.

Und was hat das alles jetzt mit Telepathie zu tun? Aufgrund dieses Farbensehens nehmen wir Emotionen oder Veränderungen und auch Erkrankungen früher war, als es uns bewusst ist – wenn es uns überhaupt bewusst wird. Wir erkennen quasi auf und unter der Haut, was sich in unserem Gegenüber gerade abspielt. Wir sind also keine Magier – wir sind einfach aufmerksame Beobachter, so, wie es die Evolution uns gelehrt hat.

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Zyklopen mit Durchblick: der menschliche Röntgenblick

Die zweite Superkraft, die Changizi mit dem menschlichen Auge verbindet, ist der Röntgenblick. Dieser basiert auf der einfachen Tatsache, dass sich unsere beiden Augen vorn befinden. Es könnte ja schließlich auch anders sein, unsere Augen könnten sich an der Seite befinden oder wir könnten ein Auge vorn und eines hinten haben. Wäre das nicht überhaupt zweckmäßiger?

Der Umstand aber, dass wir beide Augen vorn haben, stattet uns mit einem Vorteil aus: Wir sind in der Lage, durch Dinge hindurchzusehen. Denn unser „Aussichtspunkt auf die Welt liegt […] in der Mitte unserer Stirn, wo wir doch aber gar kein Auge haben“ (a.a.O., S. 87).  Entsprechend verschmelzt unser Hirn beständig zwei Bilder zu einem, „das es so eigentlich nicht gibt“ (a.a.O., S. 88).

Und mehr noch: Auch bei eingeschränkter Sicht können wir dieses Bild konstruieren. Wer die Probe aufs Exempel machen möchte, hält sich einfach mal einen Stift vor die Nase, während er diese Zeilen liest und bemerkt, dass es ihm gelingt, durch diesen Gegenstand hindurchzublicken. Immer vorausgesetzt allerdings, dass das „Objekt schmaler ist als der Augenabstand“ (a.a.O., S. 97). Der Mensch ist also ein Zyklop mit Durchblick – wird diese Fähigkeit auf lange Sicht aber vermutlich verlieren. Denn unsere zugebauten Städte und auch der Blick auf den PC erlauben es nicht mehr, dass wir den Durchblick haben. Es ist daher durchaus denkbar, dass der Mensch der Zukunft den Panoramablick seiner Smartphonekamera übernimmt, indem er evolutionär bedingt die Augen seitlich ausbildet.

Wer langsam sieht, sieht mehr: Hellsehen als Rechenleistung

Das Hellsehen schließlich, Superkraft Nummer 3, resultiert mehr aus einer Hirnleistung als aus der Beschaffenheit und Lage des menschlichen Auges. Am Beispiel optischer Täuschungen leitet Changizi ab, dass wir bewegte wie unbewegte Bilder vorausschauend wahrnehmen. Der Tennisspieler kann den Ball nämlich nur parieren, wenn sein Hirn den tatsächlichen Aufprall voraussieht oder vorausberechnet. Und die Linien in einer durch und durch gleichmäßigen Grafik erscheinen uns deshalb krumm, weil das Hirn sich mehr für Bewegungen, Richtungen und Perspektiven interessiert als für die Parallelität der Linien.

Nur wer die Zukunft voraussehen kann, ist in der Lage die Gegenwart wahrzunehmen – schlussfolgert Changizi aus diesen Beobachtungen. Und: Unser Hirn gibt uns damit die Möglichkeit, langsamer zu reagieren als dies ohne die Fähigkeit zur Voraussicht der Fall wäre. Woraus sich auch ableiten lässt: Gerade das langsame Denken und Wahrnehmen erweist sich als voraussehendes und damit intelligentes Verhalten.

Ich füge hinzu: Ein Umstand, der in den aktuellen Diskussionen um die Blitzverarbeitung bestimmter Impulse durch Maschinen leider noch nicht angekommen zu sein scheint. Zumal Unschärfe der Wahrnehmung, der Standpunkt, an dem wir uns befinden, Erfahrung und Eigenbewegung die Fähigkeit zum vorausschauenden Sehen begünstigen.

Gedankenlesen als Visualisierung

Im letzten Kapitel seines faszinierenden Buches über das Sehen befasst sich Changizi mit dem Gedankenlesen. Die Erfindung der Schrift war es, die es uns ermöglichte, die Vorstellung herauszubilden, dass sich Gedanken festhalten, notieren und bewahren, also speichern lassen. Ein binärer Code, der die Schriftzeichen ersetzt, ist seiner Ansicht nach nur eine Variante derselben Spielart.

Gedanken lesen zu können bedeutet daher nichts anderes, als visuelle Zeichen deuten zu können. Dieses Deuten von Zeichen lässt sich aber auch auf andere Bereiche übertragen – auf Architektur oder Mode, Farben oder Möbel. Unsere Fähigkeit, Gedanken zu lesen, basiert also auf einer Auseinandersetzung mit den Zeichen der Zeit.

Mir persönlich leuchten die Ausführungen dieses letzten Kapitels nicht wirklich ein – und es zeigt sich darin eine leichte Schwäche des Buches, die aber dem Lesevergnügen keinen Abbruch tun muss: Changizi ist so auf das Sehen und visuelle Eindrücke fokussiert, dass er andere Sinnestätigkeiten zu sehr außer Acht lässt. Tatsächlich ist ja die Vorstellung, dass Gedanken Buchstabenketten seien, bereits eine Metapher, die vorgibt, dass sie lesbar, also rein visuell erfassbar wären. In vorschriftlichen Zeiten kannte man eine solche Vorstellung nicht, denn Sprache war vorbeiziehender Klang, den es zu hören und nicht etwa zu sehen galt. Gedanken wurden deshalb memoriert und nicht etwa gespeichert.

Alles in allem kann ich aber sagen: Auch wenn ich hier und da mal eine Ausführung überflogen habe, empfehle ich das Buch gern weiter, da es mir eine sehr ungewöhnliche Sichtweise auf das menschliche Sehen und unsere „Superkräfte“ ermöglicht hat und es trotz aller umfassenden Erklärungen zum Weiterfragen und Forschen motiviert.

Rezension und Seitenangaben beziehen sich auf folgende gebundene Ausgabe:

Mark Changizi: Die Revolution des Sehens. Neue Einblicke in die Superkräfte unserer Augen. Klett Cotta: 2012.

 

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