„Warum funktioniert der Computer wieder nicht?“

Über den gleichnamigen satirischen Ratgeber von Gerda Greschke-Begemann und Peter Greschke

Ist das Internet ein böser Hort voller Verbrecher, die nur darauf warten, uns abzuzocken? Oder bietet es jungen Wissenschaftlern auf nie gekannte Weise die Möglichkeit, sich zu vernetzen und gemeinsam an einer besseren Zukunft zu arbeiten? Ist der PC manchmal eigenwillig und bockig oder ist es immer der Mensch vor dem Computer, der ihn zum Abstürzen bringt? Mit diesen und vielen weiteren Fragen befasst sich der satirisch-humorvolle Ratgeber in Sachen „digitale Generationenkonflikte“, den die Autorin Gerda Greschke-Begemann (geb. 1952) und ihr Sohn, der promovierte Ingenieur Peter Greschke (geb. 1986), gemeinsam verfasst haben.

In 38 kurzen Kapiteln geben die beiden Einblick in ihren ewigen Streitpunkt: Gerdas Computer funktioniert mal wieder nicht. Meint die Mutter. Aber es läuft doch alles, antwortet der Sohn. Und wenn es dann doch nicht funzt? Dann ist natürlich die Mutter schuld, die sich penetrant weigert, zu erkennen, dass es eigentlich ganz einfach sein könnte, den PC und seine Funktionsweise zu verstehen – wenn man sich nicht wie Gerda auf den Standpunkt „Ich kann das aber nicht“ zurückziehen würde.

Typisch Familie halt: böse alternde Dame versus herablassender junger Kotzbrocken

Ob es beim Hochfahren Probleme gibt, eine Fehlermeldung ignoriert oder die Passwortfrage diskutiert wird – die Autoren geben sich redlich Mühe, ihren Rollen gerecht zu werden. Da ist Gerda dann die hilflose alte Dame, die mit einer gewissen boshaften Arglist nur darauf zu warten scheint, dass mal wieder etwas nicht funktioniert, damit sie es ihrem Sohn brühwarm erzählen und ihn zornig um Hilfe bitten kann. Und da ist Peter, der Kotzbrocken, der nicht versteht, warum sich seine ansonsten doch so kluge und lebenserfahrene Mutter der Tatsache, dass am PC eben alles seinen vorhersehbaren Verlauf nimmt, ständig widersetzt.

Die Kapitel, in denen sich Sohn und Mutter abwechselnd zu einem Problem äußern, werden ohne Überleitung oder Erklärungen einander gegenübergestellt. Der Leser erfährt, was Gerda mal wieder nicht hinbekommen hat und wie Peter darauf reagiert bzw. welche Lösungsvorschläge er macht. Einen praktischen Nutzen ziehen vor allem Leser daraus, die wie Gerda immer mal wieder an den kleinen Fragen im Umgang mit dem PC scheitern. Aber auch für Leser, die diese Probleme nicht (mehr) kennen, hat das Buch viel Unterhaltsames zu bieten.

Im Strudel der Gefühle

Ich selbst fühle mich durch die strenge Rollenverteilung zunächst ein wenig in den Schwitzkasten genommen. Wie Gerda bin ich mit Papier und Büchern groß geworden und der PC ist für mich ein Arbeitsmittel, das mir einiges erleichtert. Ich kenne noch Zeiten, in denen ich dem Computer Befehle gab, statt blindlings einer nutzerfreundlichen Oberfläche folgen zu müssen.

Anders als sie scheue ich aber nicht davor zurück, einfach mal was auszuprobieren. Ich habe keine Angst, das Internet kaputt zu machen, wenn ich den falschen Knopf drücke und jeder, der mir auf eine Frage den Rat gibt, das doch mal zu googlen, muss mit meiner abgrundtiefen Verachtung leben. Denn natürlich frage ich nur, wenn die Suchmaschinen mir nicht helfen konnten.

Andererseits:  Ja, auch ich kenne eine Gerda, die mich manchmal in den Wahnsinn treibt, die den Internet-Explorer verwendet, obwohl ich ihr schon tausend Mal davon abgeraten habe, die nicht weiß, was ein Browser oder gar ein Cache ist und sich prinzipiell nicht ausloggt, wenn sie ihren Social-Media-Account verlässt, weil sie ihr Zugangspasswort ohnehin schon vergessen hat.

Wenn G. mich anruft, um mir ein Problem mit dem PC zu schildern, muss ich nur eine einzige Rückfrage stellen und schon ist sie bereit zu kapitulieren. Sie entschuldigt sich tausend Mal, mir die Zeit zu stehlen. Mich macht das wahnsinnig, denn ich bin, was diese Dinge angeht, eher ein Peter.

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Ich denke wie Peter, fühle aber mit Gerda. Während ich mich durch die kurzweilig geschriebenen Kapitel lese, gerate ich daher in einen emotionalen Strudel, schimpfe in Gedanken mal mit der bockigen Mutter, mal mit dem herablassenden Sohn. Manchmal habe ich das Gefühl, nicht einen Ratgeber zum Thema Digitalisierung, sondern eine Studie zum Mutter-Sohn-Konflikt zu lesen. Doch das Buch geht letztlich – gewollt oder ungewollt – tiefer: Es zeigt mir, dass Mutter und Sohn in völlig verschiedenen Wirklichkeiten leben, die einander widersprechen und doch beide wahr sind.

Ein PC, zwei Wirklichkeiten

In Gerdas Welt gibt es einen PC, der ein Eigenleben führt, der sich ihr widersetzt und dessen Innenleben mit dem, was ihrer Erfahrung von Wirklichkeit und Logik entspricht, nicht das geringste gemein hat. Nicht sie hat sich dem Instrument anzupassen, sondern das Instrument soll ihr zu Diensten sein. In Peters Wirklichkeit ist der PC einfach ein logisch aufgebautes Instrument, dessen Gesetzmäßigkeiten es zu akzeptieren und zu beherrschen gilt. Auf eine einfache Formel gebracht könnte man sagen: In Gerdas Welt gibt es ein geisteswissenschaftliches Warum, in Peters Welt dominiert das naturwissenschaftliche Wie.

Über Schuld und den Verlust an gemeinsamer Erfahrung

Ebenfalls spannend ist für mich die Schuldfrage, die im Buch immer mal wieder aufkommt. Wer ist schuld, wenn der Computer nicht funktioniert? Aus Gerdas Sicht ist es eindeutig der PC, der keinesfalls logischen Gesetzmäßigkeiten folgt. Aus Peters Sicht sitzt das Problem natürlich vor dem Bildschirm – es ist der Mensch, der nicht in der Lage ist, die Technik angemessen zu bedienen.

Dass überhaupt der Mensch, genauer gesagt, der alternde Mensch, für ihn Ursprung allen Übels ist, wird dann deutlich, als Peter sich über einen alten Mann, den er Opa Helmut nennt, auslässt, der öffentlich bekundet, er brauche keinen Computer und früher sei ohnehin alles besser gewesen.

In einem Exkurs führt Peter aus, wie unsere gesamte Welt zusammenbräche, würde irgendwo der Stecker gezogen oder eines der angeschlossenen Systeme ausfallen. Dabei scheint Peter nicht zu bemerken, dass man sein Katastrophenszenario auch ganz anders interpretieren kann: Denn es zeigt im Grunde nur, wie abhängig wir von (digitalen) Technologien bereits sind. Wie weit wir uns von einer erfahrbaren Welt, in der der Mensch und nicht die Technik über Wirkmacht verfügt, entfernt haben.

Überhaupt erscheint mir dieser letzte Abschnitt des Buches eher wie eine persönliche Abrechnung und als misslungener Versuch, die eigene Interpretation von Wirklichkeit mit aller Macht zu behaupten. Asbest, Atomkraftwerke, Nah-Ost-Konflikt, schwindende Renten – an allem sind die Alten schuld, die sich heute der Digitalisierung widersetzen. Und alles muss nun die junge Generation ausbaden – gegen den Widerstand eben jener Alten, die ohnehin von nichts eine Ahnung haben.

Aus Jung wird Alt – aber der naive Fortschrittsglaube bleibt

Der naive Fortschrittsglaube, dem Peter hier huldigt, zeichnete genau die Generationen aus, die er für den ganzen Dreck, den es noch heute aufzuräumen gilt, verantwortlich macht. Morgen wird vielleicht eine folgende Generation auf Peter und sein wissenschaftliches Netzwerk zurückschauen und fragen: Wie konntet ihr uns das antun? Wir konntet ihr uns so ausliefern und zum puren Nutzer einer Technologie werden lassen, in der wir nur noch als Konsumenten mit auslesbarer Blockchain auftauchen? Wie konntet ihr dazu beitragen, dass wir unseren eigenen Überwachungsstaat, das Smartphone, unablässig in der Hosentasche tragen?

Aber wie auch immer und was auch immer kommende Generationen sagen werden: Der satirische Ratgeber „Warum funktioniert der Computer wieder nicht?“ wäre aus meiner Sicht ohne diese wütenden Schlusskapitel ausgekommen. Denn er ist viel mehr als nur ein Ratgeber: Es vermittelt kleine Tricks und Kniffe, mit dem Eigenleben des PC zurechtzukommen, bietet unterhaltsames Lesevergnügen, lässt verzweifelte Eltern und Kinder nebenbei erfahren, dass sie Teil einer ganz normalen Familie sind, und gibt uns allen gemeinsam die Chance, zu verstehen, dass wir in einer Zeit leben, in der sich nicht die Wirklichkeit, wohl aber die Art und Weise, wie wir sie interpretieren und verstehen, fundamental wandelt.

Sprechen wir über Digitalisierung, dann reden wir zumeist über Automation, Robotertechnik, künstliche Intelligenz und Datenschutz. Gerda Greschke-Begemann und Peter Greschke zeigen in ihrem Büchlein, dass eine der vielen Spaltungen, die unsere Gesellschaft derzeit erlebt, auf dem Verlust einer gemeinsam erfahrbaren Wirklichkeit beruht. Es lohnt sich also, das Büchlein zu lesen, auch wenn der PC gerade mal wieder läuft oder längst durch das Smartphone ersetzt wurde.

Gerda Greschke-Begemann/Peter Greschke: Warum funktioniert der Computer wieder nicht? Heiter-satirischer Ratgeber zu digitalen Generationskonflikten. Books on Demand, Norderstedt 2013.

4 Gedanken zu „„Warum funktioniert der Computer wieder nicht?“

  1. Gerda Greschke-Begemann

    Wow! Ich bin froh, durch die Buchvorstellung auf diesen Blog gestoßen zu sein. Da steckt richtig professionelle Qualität dahinter – die Kritik wird gerne angenommen, denn sie stimmt und wird sehr nachvollziehbar begründet. Hervorragend finde ich, dass in der Besprechung plausibel herausgearbeitet wurde, wie unser Denken geprägt wird von den technischen Gegebenheiten der jeweiligen Zeit und dass es keine abschließende Bewertung der technischen Gegenwart geben kann. Sehr weitsichtige Gedanken hat Sabine Walther hier entwickelt. Danke!

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    1. SabWahl Artikelautor

      Das freut mich, Gerda! Ich hatte schon Sorge, dass dieser Gedanke nicht deutlich genug wird, dass du als “hilflose Dame” erscheinst, die du ja gewiss nicht bist. :)

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  2. Claudia Goepel

    Hi, Sabine,
    eine wunderschöne Buchrezension samt Persönlichkeitsvorstellung unserer lieben Gerda ist Dir da gelungen. Bravo!
    Ich habe das Buch übrigens auch, doch bevor ich es auspacken konnte, schnappte es sich mein Frischvolljähriger mit den Worten: “cool, lese ich.” – der liest sonst nie! ;)

    LG, Claudia

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