„Kaufen Sie Halterungen ohne hässliche Saugnäpfe!“

„Kaufen Sie Halterungen ohne hässliche Saugnäpfe!“

Oder: Wie Du Kunden verlierst, ohne Dich zu verausgaben.

 

Eigentlich wollte ich mich ja nur über Smartphone-Halterungen fürs Auto informieren. Gefunden habe ich dann aber ein sehr schönes Beispiel dafür, was den Unterschied zwischen der sorgfältigen Planung und Konzeptionierung einer Website und deren Befüllung mit Billigtexten ausmacht. Zumindest was mich anbelangt, ist der Billigplan nicht aufgegangen. Warum das so ist, lässt sich an vier typischen Fehlern, die sich in zahlreichen Produktbeschreibungen wiederfinden, rasch zeigen.

Nennen wir die Seite „Smartes Zubehör“ (nein, sie heißt nicht so, habe ich gerade erfunden). Dort finde ich drei Modelle für Kfz-Halterungen, die mein Smartphone während der Fahrt sicher verwahren sollen. Eine Lüftungsgitterhalterung, eine Saugnapfhalterung und ein Haftpad. Nun habe ich noch nie eine Kfz-Halterung fürs Smartphone gekauft, ich will also erst einmal wissen, worin sich die Modelle unterscheiden, welche Vorteile sie jeweils bieten, welche Variante für meine Zwecke am geeignetsten ist.

Schon der einleitende Kategorientext lässt mich leicht schaudern: sprachlich/stilistisch ist der Text absolut indiskutabel. Schauen wir dennoch mal, was die Produktbeschreibungen inhaltlich zu bieten haben.

 

Ein Argument, das keines ist: A ist gut, weil B grottenschlecht ist

Lüftungsgitterhalterungen, so erfahre ich, werden direkt im Lüftungsgitter angebracht. Das entbehrt nicht einer gewissen Logik. Die Vorteile liegen für den Schreiber klar auf der Hand: Mich stört beim Autofahren kein lästiger Saugnapfhalter. Und auch das Smartphone leuchtet mir nicht direkt vor dem Gesicht herum, behindert nicht meine Sicht durch die Windschutzscheibe. Dritter Vorteil: Im Vergleich zu anderen Halterungen ist das Smartphone mit dieser Lösung besser erreichbar.

Was habe ich gelernt? Kaufe niemals eine Smartphonehalterung mit Saugnapf! Die ist lästig, sitzt an der falschen Stelle und behindert Dich beim Fahren! Doch bin ich nicht wirklich überzeugt. Ich hätte gern gewusst, wie sich das Anbringen der Lüftungsgittervariante mit der Nutzung der Lüftung verträgt. Darüber erhalte ich leider keine Informationen. Also doch die lästigen Saugnäpfe?

Bis auf Widerruf: B ist doch gut, weil A unrecht hat

Gespannt öffne ich die nächste Seite, auf der ich erfahre, dass Saugnäpfe – die mit der extra starken Saugwirkung – die perfekte Lösung sind, wenn ich mein Smartphone sicher im Auto befestigen und es als Navi nutzen will. Keine Rede mehr von lästigen Saugnäpfen, kein Hinweis darauf, dass mir das olle Smartphone die ganze Zeit im Gesicht herumleuchtet, wenn ich es an der Windschutzscheibe anbringe.

Ganz im Gegenteil: Jetzt kann ich die Halterung perfekt meiner Sicht anpassen! Trotz der lästigen Saugnäpfe und trotz der Anbringung an der Windschutzscheibe! Ein weiterer Vorteil: Die lästigen Vibrationen, die andere Halterungen ohne Saugnäpfe aushalten müssen, … autsch! Doch ganz offensichtlich waren sich hier zwei Leute nicht einig. Ich bleibe skeptisch und schaue mir noch Modell 3 an, das Haftpad.

 

Werbung nach dem Ausschlussverfahren: A ist es nicht, B ist es nicht, aber gut ist es auch nicht!

Das Haftpad, so erfahre ich nun, kommt ohne hässliche Saugnäpfe (!) und „ohne kleben“ aus. Allerdings scheint sich der Texter nicht ganz sicher zu sein, ob nun geklebt werden muss oder nicht. Oder aber, er hatte keine Lust, nach einem passenden Synonym zu suchen. Nach einem starken Wort, das beschreibt, wie das Pad etwas halten kann, ohne kleben, saugen, schrauben. Weshalb ich das nicht klebende Pad, wenn die Klebkraft mal nachlässt, durch einfache Mittel dazu bringen kann, wieder wie am ersten Tag zu kleben. Gut, damit ist letztlich alles gesagt. Die Klebkraft kann nachlassen. Das Ding sitzt nicht immer so fest, wie es sollte. Dafür hat es keine hässlichen Saugnäpfe, nur die ultrakleinen Saugnäpfe der Nano-Technologie …

 

CTA überdenken? Ach was, nicht lange rumfummeln, loslegen!

Spätestens an diesem Punkt bin ich als potenzielle Kundin raus. Vermutlich schon früher. Die Saugnäpfe habe ich schon beim ersten Text ausgeschlossen. Text 3 bestätigt mich darin. Keine hässlichen Saugnäpfe!

Die Lüftungshalterung verweigert mir wesentliche Informationen, dafür verrät mir Text 2, dass mit heftigen Vibrationen zu rechnen ist. Und ob die Nanotechnologie nun klebt oder nicht klebt, ist mir immer noch nicht klar. Ich weiß nur: Auf Dauer ist kein Verlass darauf. Was vielleicht gar nicht stimmt.

Nur: Der Texter hat sich weder mit der Sache befasst, noch bemüht er sich um eine Sprache, die mich erreichen könnte. Damit scheint es auch dem Shopbetreiber herzlichst egal, ob ich als Kundin gut informiert oder gar von Begierde nach dem Verkaufsobjekt zerfressen werde. Ob ich von der Qualität seiner Produkte überzeugt bin. Nicht lange rumfummeln, losfahren – so werden hier Produkte beworben und so wird getextet.

 

Fazit: Einfach und ohne nachzudenken auflegen

Eine Kfz-Halterung wollte ich kaufen, ein simples Beispiel dafür, wie man interessierte Kunden möglichst rasch wieder los wird, habe ich gefunden. Dabei bin ich der festen Überzeugung: Für gute Produktbeschreibungen benötigt man noch nicht einmal einen ausgebildeten Werbetexter. Wir reden hier über SEO-Texte, nicht über Imagebroschüren. Jeder Laie kann – mit ein bisschen Sachverstand und Sprachgewandtheit – solche Texte schreiben.

Steht ein Konzept dahinter, kann daraus eine Webseite werden, die ahnungslose Kundinnen wie mich überzeugt oder doch zumindest neugierig werden lässt. Ich habe nämlich noch nicht einmal einen Führerschein. Ich bin bloß Beifahrerin auf der Suche nach einem Geschenk. Mir kann man viel erzählen, mich könnte man begeistern. Hier aber werden allenfalls Kunden eingefangen, die sich für Lösungen à la Magnethalterung interessieren. Die werden laut Fundstück nämlich einfach und „ohne nachzudenken“ aufgelegt. Text trifft Produkt, Produkt spiegelt Text. Perfekt.

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